Schüler werden zu Lehrern

„Ihr habt mich so glücklich gemacht!“ Es war der Leiter der Volkshochschule Rhön und Grabfeld, Klaus Schemmerling, der sich so euphorisch und so dankbar ausdrückte. Wem er dankte, das war eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Martin-Pollich-Gymnasiums Mellrichstadt. Denn seit April des vergangenen Jahres hatten neun junge Leute Flüchtlinge im Rahmen eines vhs-Integrationskurses beim Erlernen der deutschen Sprache begleitet – ein Novum in der Zusammenarbeit zwischen vhs und Gymnasium.

Über ihre dabei gesammelten Erfahrungen berichteten die Schüler in einem Pressegespräch, bei dem neben Schemmerling auch die vhs-Kursleiterin, die gebürtige Brasilianerin Ligia Maia-Berndt anwesend war.

Wie kam es, dass Schüler, die ja selbst noch Lernende sind, acht erwachsenen Flüchtlingen beim Lernen zur Seite standen? Der Anstoß ging von Peter Grösch aus, Lehrer am Martin-Pollich-Gymnasium für die Fächer Deutsch und Geografie. Der hatte die Volkshochschule angerufen, ob sie bereit wäre, seine Oberstufenschüler bei einem zurzeit in Mellrichstadt laufenden vhs-Sprachkurs für Flüchtlinge als Lernbegleiter teilhaben zu lassen. Klaus Schemmerling, nach Rücksprache mit der Kursleiterin Maia-Berndt, sagte liebend gern zu.

Und so trafen sich die jungen Damen und Herren jeweils am Donnerstagnachmittag, mit zuerst zwölf, später mit acht Flüchtlingen im Schulungsraum der vhs. Sie standen und saßen diesen beim Erlernen der deutschen Sprache hilfreich zur Seite. Dass es dabei nicht bei einem Pauken nach Lehrbuch blieb, war leicht abzusehen, und genau das war auch erwünscht. Denn über das formale Erlernen der deutschen Grammatik hinaus hatten die Flüchtlinge nun sehr viele und intensive Gelegenheiten, sich mündlich mit ihren Begleitern auszutauschen. Das machte einfach Spaß, erinnerten sich die Schüler, man redete mit Händen und Füßen, es gab dabei auch viel zu lachen, und oft halfen sich die Lernenden sprachlich gegenseitig aus. Die Fortschritte im mündlichen Ausdruck blieben nicht aus.

Die Gymnasiasten hatten das alles freiwillig auf sich genommen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Denn sie waren alle Mitglieder eines sogenannten „Projekt-Seminars“, kurz „P-Seminar“. Jeder Schüler der gymnasialen Oberstufe muss in der 11. und 12. Jahrgangsstufe ein solches Projekt belegen. Er bzw. sie kann dabei unter Themen wählen, die von den dafür beauftragten Lehrern nach der Vorgabe der Schulordnung angeboten werden. P-Seminare dienen der Studien- und Berufsorientierung und sind auf praktisches Handeln angelegt. Peter Grösch hatte die Idee, seine Fächer Deutsch und Geografie bei dem von ihm vorgeschlagenen Thema zu verbinden: Flüchtlingen beim Erlernen der deutschen Sprache zu helfen und gleichzeitig die ganz unterschiedlichen Länder zu betrachten, von denen sie kamen. Titel: „Flüchtlinge im Altlandkreis Mellrichstadt“.

Am 5. April des vergangenen Jahrs fand die erste Begegnung mit Flüchtlingen statt, die in unserem Landkreis untergebracht sind. Am Anfang, sagte Pia Andres, eine der neun Lernbegleiterinnen, habe es Probleme mit der Verständigung gegeben. Denn die Flüchtlinge waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr weit fortgeschritten in der Beherrschung unserer Sprache. Alina Thiele, ebenfalls eine Lernbegleiterin, brachte zum Ausdruck, was sie und ihre Schulkameraden bewegte: Sie waren stolz darauf, zum sprachlichen Fortschritt der Betreuten beigetragen zu haben. Und sie bedauerten, dass der Kurs nun zu Ende geht. Denn durch den Kontakt übers Lernen seien auch Brücken von Mensch zu Mensch geschlagen worden.

Die zunächst zurückhaltenden fremden Menschen mit ihrem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund tauten im Laufe der Zeit immer mehr auf, so dass freundschaftliche Gefühle von beiden Seiten füreinander entstanden. Die vhs-Kursleiterin Maia-Berndt verstand es, die Beiträge der Schüler in ihren Kurs einzubinden, gab Anregungen und nahm selbst solche entgegen. Dazu gehörten unter anderem eine Führung durch Mellrichstadt, ein Besuch im Heimatmuseum Salzhaus und besonders das „Fragebogen-Schnullerprojekt“ mit dem selbst gebastelten „Schnullerautomaten“. Den Anstoß dazu hatte die deutsche Grammatik gegeben, genauer das eigentlich unlogische Phänomen des sog. „grammatischen Geschlechts“ in unserer Sprache. Wie kann es sein, dass diese das natürliche weibliche Geschlecht oft so ärgerlich vernachlässigt? Der Junge – gut, passt zusammen. Aber: „das Mädchen“? Sind Mädchen etwa ein Neutrum? Oder: Die Frau, aber das Weib; die Henne, aber das Huhn!?

In den P-Seminaren müssen die Schüler nachweisen, dass sie ihr Seminar organisieren und strukturieren können. Die Teilnehmer hatten sich zunächst in zwei Gruppen aufgeteilt: Vier Schüler befassten sich mit theoretischen und Hintergrundaspekten wie z. B. den politischen Verhältnissen in den Fluchtländern und den rechtlichen Voraussetzungen zur Daueraufnahme in Deutschland. Die andere Gruppe der neun lernbegleitenden Gymnasiasten haben zu ihrer Arbeit einen dicken Ordner angelegt, ihr „Portfolio“, in dem alle Teilaufgaben und Teilausarbeitungen zusammengefasst sind. Ein wichtiger Bestandteil darin sind die Fluchtrouten der Flüchtlinge. Sie kamen u. a. aus Syrien, Afghanistan, Ecuador, Kroatien oder von der Elfenbeinküste. Dazu gehören aber auch die Erzählungen der Flüchtlinge über ihre Erfahrungen bei ihrer Flucht, ebenso wie das, was sie über ihre Familie, ihre Heimat, ihre Kultur, ihre Religion usw. mitteilten.

Das gegenseitige Kennenlernen war ein Gewinn für beide Seiten. Die anerkannten Asylberechtigten lernten mit der deutschen Sprache auch unsere Kultur kennen, die Lernbegleiter die Flüchtlinge dagegen als Menschen aus Fleisch und Blut und nicht als statistische Größen. Ärgerlich fanden die Gymnasiasten die Vorurteile in der Bevölkerung gegen die Asylbewerber. Und traurig waren sie über die Rückführung von Daouda, einem ihrer Betreuten, was sie trotz ihrer Bemühungen nicht abwenden konnten.

Den Abschluss findet das Projekt nun mit der großen Präsentation aller Ergebnisse am 23. Januar in der Aula des Martin-Pollich-Gymnasiums. Sie beginnt um 19.00 Uhr, und zur Teilnahme ist die ganze Öffentlichkeit eingeladen. Denn die Schülerinnen und Schüler von Peter Grösch sind der festen Überzeugung, dass ihre so positiven Erfahrungen nicht in einem Klassenzimmer verkümmern sollten.

Das Programm steht schon fest; nun freuen sich die jungen Helfer auf einen regen Besuch aus der Bevölkerung. Und auf eine gnädige Benotung durch ihren Seminarleiter. Denn das P-Seminar zählt bereits zum Reifezeugnis, das die Schüler bald in ihren Händen halten werden.

Artikel "STREUTAL Journal", Ausgabe 09/19
Text und Bild: Fred Rautenberg
 
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